Reisebericht von Arno Specht

An Bord der schwimmenden Gartenlaube

„Die Gartenlaube da hinten bleibt zurück!“ Wie bitte? Hat hier gerade jemand Gartenlaube gesagt? Zu unserem schmucken Hausfloß, unserer stolzen „New Orleans“? Eigentlich sollte man so eine Schmähung nicht unwidersprochen lassen, doch auch ohne langjährige nautische Erfahrung ist uns klar, dass ein Kräftemessen wenig erfolgversprechend wäre: Denn die despektierlichen Worte schallen aus dem Lautsprecher eines ausgewachsenen Ausflugsdampfers, der zeitgleich mit uns eine schmale Brücke passieren will – leider aus der entgegengesetzten Richtung. Da gibt der Klügere gerne nach. Also: Volle Kraft zurück, langsam Richtung Ufer steuern – und warten bis der Senioren-Cruiser vorüberzieht. Unser Blick wandert auf die belustigt winkenden Passagiere. Man trinkt Kaffee und trägt beige. Klarer Fall: Ihr Plus an Bruttoregistertonnen macht unser TS 735 in Sachen Coolness mehr als wett. Von wegen Gartenlaube.

Erst einen Tag zuvor hatten wir die „New Orleans“ an der Diemnitzer Schleuse bestiegen – als absolute Landratten bar jeder nautischen Vorbildung. Viel zu erklären gab es nicht: Zum Fahren Gashebel nach vorne, zum Bremsen Gashebel zurück, zum Lenken gibt’s ein hölzernes Steuerrad wie auf einem richtigen Schiff – „das geht wie bei einem Auto“ sagte unsere Einweiserin. Fairerweise schickte sie noch einen  Nachsatz

hinterher: „Wie bei einem ziemlich schlechten.“  Und so ist es auch. Ein Floß reagiert eben träge und schwammig – nichts für schneidige Manöver auf spiegelndem Nass. Aber auch daran gewöhnt man sich. Nach dem Start geht‘s erst mal auf den Labusee zum vertieften Fahrtraining auf eigene Faust. Ein zweites Floß kreist ähnlich planlos am anderen Ufer. Wir fühlen uns wie auf einem Verkehrsübungsplatz für maritime Greenhorns.

Wie geht das noch mal mit dem Rückwärtsfahren? Wie lang braucht man zum Bremsen? Und wie war das noch mal mit dem Ankern?  Als wir das Gefühl haben, auch das verinnerlicht zu haben, ist‘s  Zeit für den ersten Kaffee auf hoher See. Genauer gesagt: Instantcafé mit H-Milch. An Bord eines Floßes fällt die Verpflegung naturgemäß spartanisch aus. Aber wir sind ja auch nicht auf der „Aida“.

Langsam ziehen die üppig bewachsenen Uferränder an uns vorbei, das Wasser kräuselt sich sanft hinter dem monoton vor sich hin schnarrenden Außenbordmotor, eine Schwanenfamilie beobachtet uns mit skeptischer Neugierde, und Ferienhäuser mit Bootssteg befördern die Erkenntnis, dass das Leben in Mecklenburg-Vorpommern durchaus lebenswert sein kann.

Unsere erste Schleusenpassage meistern wir auch souverän – nicht zuletzt dank der tatkräftigen Hilfe der vor uns  liegenden Yachtbesatzung. Denn auch als Fahrer eines Leihfloßes ist man plötzlich Mitglied der großen Gemeinschaft all derer, die mit wassergebundenen Fahrzeugen unterwegs sind. Man hilft sich gegenseitig – ganz gleich, ob man eine 200 000-Euro-Yacht steuert oder eben eine schwimmende Gartenlaube. Die für Mittelschichts-Landratten überraschende Erkenntnis des Tages: Auch braungebrannte Skipper mit XXL-Sonnenbrille müssen keine arroganten Schnösel sein.

 

Das gleichmäßige Gluggern der Wellen schläfert ein. Die Sonne hat sich verabschiedet, das Floß ist verankert, das Diner von Meister Erasco erfolgreich vertilgt, die Schlafsäcke ausgepackt – die erste Nacht an Bord bricht an. Es wird ein unruhiger Schlaf. Hält der Anker?  Glugg, glugg. Ja, er hält. Glugg, glugg. Augen schließen und umdrehen. Glugg, glugg. Aufwachen, ein Blick aus dem Fenster. Ja, die mondbeschienenen Bäume am Ufer sind noch genau da, wo sie vorhin auch waren.  Glugg, glugg. Der Anker hält sicher! Glugg, glugg. Weiterschlafen, ein erster Traum an Bord. Glugg, glugg. Aufwachen. Harndrang am frühen Morgen. Raus aus dem Schlafsack und in die Toilettenkabine. Glugg, glu… - Moment mal!

  War das Ufer gestern auch schon so nah? Vor allem der Schilfgürtel, den man ja auf keinen Fall berühren sollte, um der mecklenburgischen Vogelwelt keine unwiederbringlichen Schäden zuzufügen? Kurz nach 6 Uhr endet die Nachtruhe abrupt – das mit dem Ankerwerfen müssen wir wohl nochmal üben! Und dann regnet es auch noch. Zwei Dinge wissen wir jetzt sehr zu schätzen: Dass TS 735 über eine geräumige und trockene Kabine verfügt – und dass wir genügend Bücher an Bord haben.

 

Neblig feuchte Kühle liegt über den Ufern, ab und zu blinzelt die Sonne durch die Wolken – wir sprechen ein Hoch auf die Erfinder von Jogginghose und Instantkaffee aus. Unbeirrt pflügt sich unser Floß durch Seen und Kanäle, und kurz vor Rheinsberg bricht die Sonne durch.

Inzwischen herrscht reger Verkehr auf den Gewässern: Yachten, Flöße aller Größen und natürlich die berüchtigten Ausflugsdampfer. Abwechselnd steuern oder auf der Terrasse am Bug die Beine hochlegen und sich den Fahrtwind von knapp 10 km/h - was ist das eigentlich in Knoten?  - um die Nase wehen lassen  – so hatten wir uns das vorgestellt: Ein langsames Dahingleiten über  Seen und Kanäle, nah am Wasser und mitten in der Natur, die sich nun bei warmem Spätsommerwetter präsentiert. So könnte es ewig weitergehen. Zwischendurch ein Stopp in der Marina von Rheinsberg  - das mit dem Anlegen haben wir jetzt auch raus.

Mittlerweile sind wir schließlich echte Profis auf dem Wasser, und dank Bordhandbuch verstehen wir inzwischen auch, was die zunächst kryptisch anmutenden Verkehrszeichen für Wasserwege uns verraten wollen. Das Plus an Erfahrung senkt auch die Hemmschwelle, abends die Marina in Canow anzusteuern und unsere Gartenlaube passgenau zwischen den Luxusyachten zu platzieren. Ein ruhiger Schlaf ist der Lohn – fest vertäut schläft sich‘s doch irgendwie besser.

Ein letztes Frühstück auf Wasser: Spartanische Kost vor Bilderbuchidylle, beschienen vom zarten Licht der Morgensonne – Breakfast at Labusee. Zurücklehnen, die Augen schließen, die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen – dass wir als Landratten keine Sehnsucht nach festem Boden haben würden, schien uns noch vor kurzem unvorstellbar.

Jetzt noch weiter fahren, See für See erkunden, neue Häfen ansteuern, einen sonnigen Nachmittag auf dem Wasser genießen…. Doch die „New Orleans“ muss pünktlich um 10 Uhr wieder am Heimathafen sein. Beim letzten Schluck Instantcafé freuen wir uns schon auf der nächste Mal.

Das nächste Mal an Bord der schwimmenden Gartenlaube.

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